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Überwindung meiner Ängste

Oktober 2, 2012 | by Robert Selberherr Mediagetik-Coach

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So, nach langer
Schreibabstinenz dachte ich mir: „ Ich schreib mal wieder etwas“.
Diese Wochenende war mal
wieder Apfelernte angesagt. Schon am Samstag haben wir morgens begonnen. Wir
haben uns den großen „Kaiser Wilhelm“ Baum vorgenommen. 
Ganz nebenbei, das ist
meine Lieblingssorte und auch die von meiner Frau. So manche Äpfel fanden daher
den Weg in den Pflückkübel nicht und auch nicht in die Obstkiste. Die landeten
direkt in unseren Bäuchen :-).
Unser „Kaiser Wilhelm“ in seiner ganzen Pracht und Größe

 Ausgesprochen schmackhaft… und heuer sind sie
extra gut.

Meine Liebste hat ja schon
in den vorangegangen Wochen immer wieder Pressobst, also reife Äpfel die vom
Baum gefallen sind, geerntet und super Most (ich vergönne mir während des
Schreibens gerade ein Krügel gespritzten Most) gepresst. Der Most vom Kaiser ist
ein Kaiser ;-).
Doch nun ist es an der Zeit,
genaugenommen schon höchste Zeit, na ja schon ein wenig zu spät, die am Baum
verbliebenen „Äpfelchen“ (die sind durchschnittlich zirka 10cm im Durchmesser, der Größte war über 12cm)
abzuernten, denn es sind schon einige am Boden gelandet und auch nicht wenige
schon angefault
Zuerst heben wir also die am
Boden liegenden Äpfel auf. Die gefaulten kommen in eine Scheibtruhe und werden
den Ziegen, Hühnern und Hasen kredenzt, die angeschlagenen und nur leicht
angefaulten werden in Kübeln für die Presse aufgesammelt. Es einfach nötig den Boden
frei zu machen, um die Stehleitern aufstellen zu können.
Wir mussten sehr bald
feststellen, dass unsere 5 Kübel (das sind circa 30-40 kg Äpfel) nicht
ausreichten und so holte ich noch 4 Weidenkörbe aus dem Keller und die wurden
auch noch voll (weitere 28 kg Äpfel circa).
Da ich unter Höhenangst
leide und meine Frau, die in jungen Jahren Freeclimbing betrieben hat, kein
Problem mit der Höhe hat, erledigte ich die Bodenarbeit und sie begann
währenddessen mit dem Abernten des Baumes, der etwa 6 -7 Meter hoch ist.
Zuerst verwendeten wir nur
die große ( 3,5m) und die kleine (2m) Stehleiter. Die Leitern zu bewegen
überlies sie mir, da sie derzeit eine verletzte Zehe und einen gezerrten
Hüftmuskel hat. Die erste Obstkiste mit etwa 30 bis 40 kg Fassungsvermögen war
bald voll und die Scheibtruhe mit Futteräpfeln auch.
Als ich vom Ausleeren und
Einlagern zurückkam, meinte meine Frau, wir sollten auch die abgestorbenen Äste
des uralten Baumes (als meine Frau klein war, war er schon sehr alt) entfernen.
Ich wusste, ich sollte nun
auch auf die Leiter. Ein mulmiges Gefühl überkam mich. Aber ich wusste, die
hohe Stehleiter hatte ich schon einige Male erfolgreich bestiegen.
Allerdings auf der Leiter
stehend zu sägen, das ist schon eine Herausforderung für mich.
Die Leiter stand schon in
der richtigen Position, und ich begab mich mit der Säge bewaffnet auf diese.
Sprosse um Sprosse kletterte ich langsam höher. Mit jedem Schritt nahm das
beklemmende Gefühl zu. Ich hielt an und wollte zu sägen beginnen, doch die Höhe
reichte noch nicht. Eine Sprosse musste ich noch überwinden. Ich nahm meinen
ganzen Mut zusammen und stieg höher.
Mit der linken Hand hielt
ich mich krampfhaft am nahen Ast fest, während ich mit der anderen zu sägen
begann. Ratsch… und der erste Ast fiel zu Boden. Ich war erleichtert. Die
weiteren Äste gingen leichter und immer leichter. Ich positionierte die Leiter
neu und kletterte auf und ab. Immer wieder, denn es waren noch einige Äste zu
schneiden.
Jetzt traute ich mich auch
Äpfel zu pflücken.Nach einiger Zeit hatten wir
alle Äpfel in einer Höhe von 2-3 Meter abgeerntet. Die höher hängenden konnten
wir nun nicht mehr erreichen.
Wir beschlossen, die
restliche Ernte mit dem zusätzlichen Auszugsteil, mit welchem die Leiter auf 5
Meter verlängert werden kann, am nächsten Tag fortzusetzen, denn es hatte zu
regnen begonnen.
Am Sonntag begannen wir kurz
vor Mittag. Doch stellte sich schnell heraus, dass ich mich nicht so hoch
hinauf traute und meine Frau wegen der Verletzung an der Zehe auch nicht
raufsteigen konnte.
Wir holten unsere
11-jährige, die bereits mit 9 Monaten ganz hinaufgeklettert war und wieder
herunter, und auch eine fleißige Baumkletterin ist. Behände und sicher stieg
sie die Leiter hinauf. Nur um ein bisschen Sicherung der Leiter vom Boden aus
ersuchte sie.
Als aber der Pflückkübel
gefüllt war und sie wieder runterklettern sollte, war schnell klar, dass dies
nur ohne Kübel sicher vonstatten gehen konnte. Sie ließ den Kübel oben hängen
und ich wurde gebeten diesen zu bergen. Ich wollte mir keine Blöße geben und
stieg langsam und mit steigender Nervosität hinauf. Natürlich musste ich auf
dem Auszugsteil weiter hinauf. Höher als ich bisher geklettert war. Ich dachte:
“Nur nicht hinunter sehen“. Als ich den eingehängten Kübel erreichte, sah ich,
dass dieser fast voll war und dementsprechend schwer.
Während ich den Hacken hob
und damit den ganzen Eimer voller Äpfel langsam nach unten gleiten lies,
überkam mich noch einmal Angst, und ich wollte so schnell wie möglich wieder
festen Boden unter den Füssen haben. Bei jedem Schritt zitterten
meine Knie mehr.
Unten angekommen war ich
ganz schön geschafft. So, als hätte ich einen Marathonlauf hinter mir. Aber ich
war sehr glücklich und auch stolz. Hatte ich doch meine eigene Ängste besiegt.
Ich ruhte mich kurz aus und
sah, dass sich unsere Kleine vom Acker gemacht hatte und es war klar, dass ich
die weiteren Äpfel die in 5 bis 6 Meter hangen auch pflücken musste. Schon spürte ich wieder das
beklemmende ungute Angstgefühl.
Ich fasste mir ein Herz und
stellte die Leiter in eine neue Position und begann hinauf zu steigen.
Ich erreichte bald die
vorhergehende Position, wobei der Auszug höher ausgefahren war als vorher.
Einige Äpfelchen wanderten
in den Pflügkübel. Ich musste mich bei ein paar stark strecken, um sie zu
kriegen. Doch jetzt war Schluss. Da hangen zwar noch vor,  links und rechts von mir schöne rote sehr
reife Äpfel, aber meine Reichweite war zu gering. Ich sah um mich und auch
hinunter. Boah! Ich war verdammt hoch oben, dachte ich. In mir begann es zu
zittern und zu beben. Die Leiter fing an alleine durch meine zitternden Knie zu
wackeln, was nicht zu meiner Beruhigung beitrug.
Ich versuchte mich zu
konzentrieren, damit ich eine Lösung für mein Problem zu finden.
Ich kapierte schnell, dass
ich die Leiter nicht anders stellen konnte, weil einige Äste im Weg waren.
Abschneiden kam auch nicht
in Frage. Da meldete sich meine Frau, die alles von unten beobachtet hatte und
offensichtlich sofort erfasste, was los war. Sie sagte: „ Schatz, steig einfach
höher, dann kannst du die restlichen Äpfel erreichen.“
In diesem Moment erfasste
mich eine unglaubliche Panik und ich hatte das Gefühl ,ich kann nun weder
hinauf noch hinunter klettern. An meiner jetzigen Position war ich mit meinem
Kopf ungefähr auf gleicher Höhe mit dem Ende der Leiter. Es gab mir eine kleine
Sicherheit. Würde ich nun eine Sprosse höher steigen, dann bewegte ich mich
über die Leitergrenzen hinaus und das wäre für mich, als würde jegliche
Möglichkeit zum Festhalten verlieren. Hektisch suchte ich nach stabilen Ästen,
an welchen ich mich festhalten konnte. Doch wie sollte ich pflücken, während
ich mich festhielt. Ich sagte mit zitternder Stimme: „ Nein, leider das geht
nicht. Ich kann das nicht, wirklich“.
Mein Schatz sagte ruhig:
“Sicher kannst du das, Liebling“
„kleines“ Äpfelchen

Irgendwie hatte sie die
Zauberworte gefunden, die die Blockade lösten und ich stieg eine Sprosse höher.
Nun waren bis auf 5 Äpfel an dieser Stelle alle abgeerntet. Noch einmal
motivierte mich meine Frau, höher zu steigen. Ich schaffte es, doch mein Herz
drohte über meinen Kopf aus meinem Körper hinaus zu springen und ich tat noch 3
Äpfel in meinen Eimer.

Jetzt war das Ende meiner
Überwindungsfähigkeit erreicht. Es waren nur noch 3 Sprossen übrig und beim
nächst Schritt dann sogar nur mehr 2 bis zum Ende der Leiter etwa 5 Meter 50
plus mein darüber ragender Körper … Also wäre mein Kopf auf über 6 Meter
gewesen und ich wäre frei balancierend gestanden wegen 2 Äpfel… Etwas in mir
sagte vehement „Nein“.
Meine Liebste sagte:
„Versuche die beiden letzten herunter zu beuteln“
Wieder eine neue
Herausforderung. Beim Wackeln der Äste begann natürlich auch die Leiter zu
schwingen. Und diese blöden Äpfel wollte nicht fallen. Alles in mir bebete. Vor
Angst, vor Wut, weil sich nichts tat und vor Freude weil ich es bis hierher
geschafft hatte. Ein Teil in mir wollte schnellstens hinunter auf den
„sicheren“ Boden. Ein Teil dachte: „Nein, halte noch durch“. Der dritte Teil
wollte unbedingt gewinnen.
Da löste sich der Erste. Ich
schüttelte noch mehr. Ich wurde richtig aggressiv. Da viel der Letzte. Ein
unbeschreibliches Gefühl der Freude und Genugtuung und auch des Stolzes
durchfuhr mich.
Ich begab mich mit dem Kübel
hinunter, küsste meine Frau und freute mich riesig. Zuerst hatte ich gar nicht
bemerkt, wie erschöpft ich eigentlich war. Doch langsam kroch eine starke
Müdigkeit in jeden Winkel meines Körpers.
Trotzdem war ich sehr, sehr
glücklich und stolz, mich selbst überwunden zu haben.

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